Niklas Maak
Die gezeichnete Moderne - Anmerkungen eines Hamburgers zum Bild seiner Stadt

Ausschnitt aus Dishammonia, Zeichnungen: Michala Melián, Text: Niklas Maak
Herausgegeben von Hans Jochen Waitz, Spector Books Leipzig, 2019

Die Publikation erscheint anlässlich der temporären Installation Dishammonia an der Fassade des Gebäudes: Schulterblatt 73, Hamburg

Die Künstlerin Michaela Melián zeigt mit DISHAMMONIA eine Art gezeichneter Fantasiestadt, ein urbanistisches Amalgam aus Häusern und Brücken, bei denen die Hamburger ein Déjà-vu haben werden – denn es sind alles moderne Gebäude ihrer Stadt, die entweder schon abgerissen wurden oder noch abgerissen werden sollen: das Allianz-Hochhaus und der Ballsaal auf der Veddel, das BP-Haus und das Deutschlandhaus, die Postbank City-Nord und die Post-Pyramide, Schilleroper und Schule Neuhof, Stadthaus und Sternbrücke, Zollamt Veddel und City-Hof. 

Man kann Meliáns Zeichnung der verschwundenen und bedrohten Utopien, ihre Idealstadt der modernen hanseatischen Zukunftsträume, als einen Aufruf zu einer großen, viel zu selten geführten Debatte darüber lesen, was mit einer Stadt nicht nur ästhetisch, sondern auch sozial passiert, wenn Orte, die umgenutzt werden und weniger betuchten Teilen der Bevölkerung Unterkunft und Raum für Experimente geben könnten, abrasiert und durch Geldmaschinenarchitektur ersetzt werden.

Dabei geht Meliáns Collage aber ästhetisch weit über einen bloßen Agit-Prop-Aufruf zur Rettung des modern-utopischen Erbes hinaus. Sie zeichnet all diese Bauten als fast zarte, schwarze Outlines, so, als wolle sie mit dem Stift die Form, den Geist dieser entweichenden, immer unsichtbareren Moderne festhalten. Damit greift sie auf ein formales Verfahren zurück, das sie seit langer Zeit, zuletzt mit der Arbeit Reeducation, von 2014 erprobt; sie zeigte damals in gleicher Zeichentechnik die Grindel-Hochhäuser in Hamburg, einen Neubaukomplex aus zwölf Hochhausscheiben, der nach 1945 die unter den Nazis verpönten futuristischen Stadtbaukonzepte von Ludwig Hilbersheimer für die City-Bebauung von Berlin aus dem Jahr 1929 nach Hamburg importierte, wodurch tatsächlich auch im Bereich des Städtebaus die ideologische „Umerziehung“ des besiegten Nazideutschland durch die Alliierten vorangetrieben wurde.

Meliáns neues Werk DISHAMMONIA knüpft formal ebenfalls an künstlerische Stadtvisionen der 1920er Jahre an – etwa an Paul Citroens Collage einer Metropole, in der die unterschiedlichsten Bauten sich wild überlagern, überschlagen, durchdringen und so ein Idealbild von Stadt inszenieren, das nicht auf technokratischer Ordnung und Funktionstrennung, sondern auf dem wilden Durcheinander von Formen besteht, das die Stadt wie ein Riff auffasst, an dem die unterschiedlichsten Lebensformen Raum finden, ein Urbanismus, der die Stadt in ihren Sedimentschichten, Überlagerungen, Amalgamen und Superimpositionen begreift, statt Politik mit der Abrissbirne zu machen. 

Zeichnen bedeutet immer zweierlei: Die Zeichnung – zumal von Gebäuden – kann beides sein, Erinnerung und Entwurf, Rückblick oder Vorausschau in eine mögliche Zukunft. Der Reisende zeichnet bestehende Bauten, um sich an sie zu erinnern, um ihre Formen und Räume mit dem Zeichenstift nachzuvollziehen, ihren Entwurf im Wortsinn zu erfassen und zu begreifen. Der Architekt zeichnet ein Gebäude, das es noch nicht gibt, es entsteht aus dem Nichts auf dem Papier, es manifestiert sich in einem Gewirr von Linien. Meliáns Zeichnungen gelingt etwas Seltenes – sie umkreisen das Verschwundene, als sei die Linie ein Lasso, das die Form des Baus im Moment seines Verblassens einfängt, gleichzeitig wirken sie wie der Entwurf einer neuen Welt, einer modernen Stadt-Utopie. Dass diese derart unter Beschuss steht, macht Michaela Meliáns Arbeit zum Bild einer im doppelten Sinn gezeichneten Moderne.

 

Niklas Maak, geboren 1972 in Hamburg, leitet das Kunstressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und unterrichtet Architekturtheorie in Harvard.